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Die verschiedenen Gesichter der Demenz

Wenn ein nahestehender Mensch an Demenz erkrankt, bedeutet dieses immer eine Belastung für die Familie, aber auch für die betroffene Person selbst. Belastend wirkt hierbei die Tatsache, dass mit dieser Erkrankung immer noch eine Unsicherheit und Tabuisierung einhergeht.

Die Demenz ist eine häufig vorkommende Erkrankung, an der in Deutschland etwa 1,4 Millionen Menschen erkrankt sind. Die Tendenz ist jedoch noch steigend, da die Lebenserwartung in den letzten Jahren ständig gestiegen ist.

Eine Studie ergab, dass jeder Dritte jemanden mit diesem Krankheitsbild in seiner näheren Umgebung kennt.

Dieses ist für die ZEITSPENDE der Grund, sich genauer mit dem Krankheitsbild und dem Umgang mit betroffenen Personen näher auseinander zu setzen und hatte zu einer Fortbildungsveranstaltung die Diplom-Pflegewirtin und Heilpraktikerin Frau Maria Riemann, tätig im Demenzservicezentrum Ostwestfalen-Lippe, eingeladen.

Frau Riemann erläuterte zunächst die Muster von Symptomen, wie Gedächtnisstörungen, Störungen des Denkvermögens und der Sprache. Der Mensch verändert sich, seine Alltagskompetenzen lassen mehr und mehr nach.

Man unterscheidet verschiedene Arten der Demenz:

- Vaskuläre Demenz

- Frontotemporale Demenz

- Alzheimer Demenz

Bei der Vaskulären (gefäßbedingten) Demenz verstopfen kleine Gefäße im Gehirn, die Verstopfungen führen zu Durchblutungsstörungen und dadurch werden wiederum Gewebeteile des Gehirns zerstört - es stellen sich Gedächtnisstörungen ein.

Bei der Frontotemporalen Demenz ist der Vorlappen des Gehirns betroffen, der Teil des Gehirns, der für die Verhaltensweisen eines Menschen eine Bedeutung hat. Die Erkrankung äußert sich deshalb vor allem durch eine Wesensveränderung bis hin zur Veränderung der gesamten Persönlichkeit. Es kann zu einer Enthemmung kommen und zu unkonventionellem Verhalten: Aggressivität, Distanzlosigkeit, Witzelsucht und fehlende Empathie. Aber auch das Gegenteil kann eintreten: bei dieser Verlaufsform stehen Apathie und Antriebslosigkeit im Vordergrund. Die Frontaltemporale Demenz tritt meistens früh, zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr auf. Bei dieser Form der Demenz wird auch ein Gendefekt und auch eine genetische Disposition als Ursache vermutet.

Die von Alois Alzheimer erstmals beschriebene Alzheimer Erkrankung beruht auf einer degenerativen zerebralen Erkrankung, bei der Abbauprozesse des Gewebes zugrunde liegen. Zusätzlich kommt es zu Ablagerungen von Eiweißmolekülen im Gehirn.

Gründe für eine Demenzerkrankung können unterschiedlichster Art sein. Im Verdacht stehen mehrere Risikofaktoren: Entzündungen, Verletzungen, Hirntrauma, Mangelerscheinungen, Vitaminmangel, Borreliose, Diabetes, Parkinson, Fettstoffwechselstörungen, Übergewicht, Rauchen, Bluthochdruck, Hormonstörungen, Ernährung, Übergewicht, genetische Defekte u.v.m. Ein Neurologe muss ausschließen, dass die Symptome von anderen Krankheiten herrühren, z. B. Depressionen, mangelndes Hörvermögen, Nebenwirkungen von Medikamenten, Flüssigkeitsmangel, Schilddrüsenerkrankungen.

Eine Heilung der Demenzerkrankung ist bisher leider nicht möglich, jedoch kann manchmal durch kognitives Training und Medikamente ein schnelles Fortschreiten der Erkrankung verhindert werden.

Bei allen Formen ist eine Verminderung der Gedächtnisfähigkeit zu beobachten. Informationen werden normalerweise 60 Sekunden lang im Kurzzeitgedächtnis gespeichert und wandern dann hinüber ins Langzeitgedächtnis. Dieser Übergang vom Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis ist gestört. Die „Gedächtnisbibliothek“, in der Erinnerungen aus der Kindheit, Jugend und aus dem frühen und späteren Erwachsenenalter gespeichert sind, leidet. Das, was am längsten zurückliegt, wird am besten erinnert. Betroffene erkennen sich selbst oft nicht im Spiegel, weil sie das Bild von sich nicht erkennen, sie erkennen sich häufig aber auf Fotos aus der Kindheit.

Der Verlauf der Erkrankung ist schleichend. Im frühen Stadium bemerken die Betroffenen, dass etwas nicht stimmt. Sie sind aber in der Lage, ihren Alltag selbständig zu regeln, vielleicht, indem sie sich mehr schriftliche Notizen machen müssen. Im mittleren Stadium treten bereits Schwierigkeiten in der Alltagskompetenz auf. Die Schritte von komplexen Handlungen werden nicht mehr ausreichend gekannt. Eine 24 Stunden-Betreuung ist bei Erkrankten im fortgeschrittenen Stadium notwendig. Ihre Sprache ist verarmt, häufig werden immer wieder die gleichen Fragen gestellt. Es können Wahnvorstellungen auftreten, ebenso Aggressionen und Störungen im Schlaf-Wachrhythmus.

Wichtig ist es, anstehende schriftliche Dinge, wie z.B. Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht und Testament, bereits im frühen Stadium zu erledigen.

Was können Angehörige für den Erkrankten tun?

Sie können therapeutische Maßnahmen einleiten, z.B. Ergotherapie, Alltagsroutine und Orientierungsfähigkeiten einüben, Musiktherapie.

Für die betroffenen Erkrankten ist zu Beginn der Umgang mit ihren spürbaren Defiziten sehr schwierig. Erst im Endstadium empfinden sie ihre eigene Unzulänglichkeit nicht mehr. Sie leiden oft an Stimmungsschwankungen, da sie erleben müssen, dass ihnen vieles nicht mehr gelingt. Aus Angst und Scham ziehen sie sich immer mehr zurück. Sie bagatellisieren oder verleugnen ihre Schwierigkeiten oder geben vor, dass andere etwas verursacht haben. Ihnen fehlt die Logik, etwas einzusehen. Sie leben im Jetzt, oft verbunden mit der Vergangenheit. Sie leiden an Einsamkeit und Verlustängsten. Da das emotionale Empfinden sehr lange erhalten bleibt, sehnen sie sich danach, verstanden zu werden und nicht alleine zu sein. Sie möchten in die Familie eingebunden sein und durch Einbeziehen in Gespräche Akzeptanz und Wertschätzung erfahren. Manchmal sind sie sehr kreativ im Erzählen von Geschichten. Dann ist es wichtig, dass man sie bestätigt, ermutigt und nicht etwa behauptet, das Erzählte seien Lügengeschichten. Sie selbst empfinden es als Wahrheit und wollen in ihrer Welt ernst genommen werden. Wertschätzung erfahren sie außerdem durch Komplimente und bestätigende lobende Anerkennung, wie „prima“, „toll“ oder „wunderbar“, es zeigt ihnen, dass sie ernst genommen werden. Betreuende Angehörige berichten immer wieder davon, dass sich die zu betreuende Person über mangelnde Besuche und Einsamkeit beklagt, obwohl sie sie jeden Tag besuchen. Das erklärt sich aus der Tatsache, dass Informationen nicht gespeichert werden können, meistens nur für 30 Sekunden. Deshalb lohne es auch nicht, so die Referentin, sich zu rechtfertigen. Viel angebrachter sei es in solchen Situationen nur zu sagen, dass man nun aber da sei. Überhaupt sollten „ja – nein – doch – Diskussionen“ vermieden werden. Sollte eine Situation einmal eskalieren, ist es ratsam, freundlich unter einem Vorwand den Raum zu verlassen und nach kürzester Zeit (2 -3 Min.) wieder zurückzukommen. Der Vorfall ist dann meistens völlig vergessen worden. Das Bedürfnis nach Harmonie und Liebe bleibt jedoch sehr lange Zeit bestehen.

Viele demenziell erkrankte Personen leiden an Verlustängsten und an der Angst alleine zu sein. Kleinste Geräusche, wie z.B. das Ticken einer Heizung können zur Schlaflosigkeit führen, da in ihrem Unterbewusstsein Erinnerungen an den Krieg auftreten können. Sie haben ein ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis und mögen absolut keine Überraschungen, dagegen geben ihnen eine vertraute Umgebung und Strukturen Sicherheit. Dazu gehört auch die Vertrautheit einer bekannten Stimme, obwohl die dazugehörende Person nicht mehr an ihrem Gesicht erkannt wird oder gar ein Name zugeordnet werden kann. Der Klang der Stimme einer Person bleibt jedoch lange Zeit erkannt und vertraut. Auch Fotos aus frühere Zeit, Bücher oder ein Möbelstück geben der Person Sicherheit und vermitteln besonders bei Unterbringung in einer Einrichtung ein Gefühl von Heimat und tragen dazu bei, sich zuhause zu fühlen.

Da Gehörtes nur sekundenlang behalten werden kann, nutzt es nichts, einem Betroffenen eine Auswahl verschiedener Dinge anzubieten. Werden alternativ z.B. drei Möglichkeiten der Kleidung oder der Mahlzeit aufgezählt, behalten sie doch nur die letztgenannte der drei Möglichkeiten im Kopf. Außerdem ist es ratsam miteinander in kurzen klaren Sätzen zu sprechen. Im Umgang mit den Erkrankten ist es günstig, sich die Eigenschaften von den erst 1996 erforschten „Spiegelneuronen“ des Gehirns zu nutzen. Spiegelneuronen nehmen die Gefühle der Mitmenschen wahr und versuchen diese anerkennend zu spiegeln, so können die nonverbalen, körpersprachlichen Qualitäten der Kommunikation genutzt werden. Ein Lächeln des Pflegepersonals lässt den Demenzkranken erkennen, dass man es gut mit ihm meint und nichts Böses will. Andererseits bedeutet ein Lächeln des Patienten auch, dass es ihm relativ gut geht. Denn grundsätzlich bleibt die Fähigkeit Affekte zu erkennen und auch selbst auszudrücken bis in die späte Phase hinein erhalten, da das Emotionssystem erst sehr spät von der Demenz in Mitleidenschaft gezogen wird. Selbstverständlich ist ein authentisches Verhalten dabei zwingend notwendig, der Inhalt des Gesagten und der begleitende Affekt dazu müssen kongruent sein. Auch die Intonation, wie etwas gesagt wird, spielt dabei eine Rolle. In einer Kommunikation nehmen wir allein 80 % der Informationen über Haltung, Gestik und Mimik auf, nur 20 % machen die tatsächlich gesagten Worte aus. Ein humorvoller Umgang miteinander macht vieles im täglichen Umgang miteinander leichter und baut Spannungen ab, beim Lachen werden die Organe besser durchblutet – ein zusätzlicher positiver Nebeneffekt.

Da das Emotionssystem sehr lange erhalten bleibt, bleibt auch das Bedürfnis nach Liebe bestehen, deshalb werden Berührungen als angenehm empfunden und geliebt.

Die Auffälligkeiten der demenziell erkrankten Personen ist sehr vielschichtig: manche genießen Ruhe, andere brauchen Reize, einige können schlecht schlafen, rufen oder schreien gar, leiden unter Gleichgewichtsstörungen.

Es muss herausgefunden werden, wie die Person auf Reize reagiert. Alte Filme, bei denen die Bildfolge nicht so schnell wechselt können unterhaltsam sein, oder auch das Betrachten von Vogelkäfigen oder Fischaquarien.

Die Betreuung ist eine besondere Herausforderung für jeden, besonders wenn man einen nahen Angehörigen betreut. Soziale Kontakte (Freunde, Nachbarn) sind deshalb für die Pflegekräfte besonders wichtig, um erneut Energie auftanken zu können.

Frau Riemann beendete ihre Ausführungen mit einem Zitat von Bertolt Brecht:

Der, den ich liebe
Hat mir gesagt
Daß er mich braucht.
Darum
Gebe ich auf mich acht
….

Buchempfehlung der Referentin:

Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil

Informationen zu dem Thema: Landesinitiative Demenzservicestelle NRW

(Verfasserin: Elisabeth Sittig)